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Königsmord in Bamberg

Erzähltheater, 2021

Die Schwierigkeit bei historischen Stoffen besteht darin, eine Verbindung zum Heute herzustellen. Die Geschichte des Königsmordes in Bamberg ist da keine Ausnahme - im Gegenteil: Eine hochpolitische Angelegenheit, die mehr als 800 Jahre in der Vergangenheit liegt, in einer Zeit, in der völlig andere Normen und Werte galten als heute.

 

Weder als klassisches WhoDunIt angelegt, noch als dröge Geschichtsstunde, entfaltet der Königsmord seine Kraft durch ein perspektivenreiches Erzähltheater, das die emotionalen Stimmen aus der Vergangenheit beschwört und mit Wahrheit und Illusion spielt.

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WIE ERZÄHLEN WIR GESCHICHTE?

Man hätte aus den geschichtlichen Ereignissen ohne größere Probleme einen spannenden Kriminalfall zum Mitraten machen können. Uns standen jedenfalls alle Möglichkeiten offen, die Vorgabe lautete lediglich:

Andechser Geschichte + Theaterstück.

 

Als wir uns die Frage stellten, wie wir diese Geschichte erzählen wollen, wurde daraus schnell eine andere, nämlich - wie erzählen wir Geschichte? DIE Geschichte existiert nicht, sie verändert sich ähnlich gebrochenem Licht, je nachdem, wer erzählt, zu welcher Zeit und mit welcher Absicht. Genau dieses Thema wurde zum Überbau und wir fingen an, verschiedene Medien und 'Textsorten' zu inkludieren, die eine Erzählung grundlegend verändern können. Ein Monolog zieht durch direkt vermittelte Emotionalität in den Bann, kennt aber nur eine Perspektive. Ein wissenschaftlicher Vortrag ist (im Bestfall) gut recherchiert, klammert aber die menschlichen Schicksale aus.

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"WEM BIST DU VERPFLICHTET?" - "DER KUNST ALLEIN."

Von Anfang an war klar, dass "die Wahrheit" ein Phantom bleiben würde. Daher beschlossen wir, sie bis auf den gröbsten Rahmen getrost zu ignorieren. Stattdessen stellten wir - wie es sich für gute Künstler gehört - die menschliche Erfahrung in den Mittelpunkt. Was hat die Menschen angetrieben? Aus welchen Motiven heraus haben sie gehandelt und was haben sie dabei gefühlt?

 

Um das Publikum weg von "Wer ist der Mörder?", hin zu "Was ist Fakt und was Fiktion?" zu lenken, kreierten wir unter anderem eine "alte" Sage und eine erfundene Biografie.

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"Im Folgenden handelt es sich um einen Auszug aus einer Biografie von 2017 mit dem Titel "Vogelfrei. Aufstieg und Fall zweier Andechser Brüder", die exzellente Forschung mit dem Talent verbindet, aus all den Daten und Fakten eine mitreißende Geschichte zu weben (...)"

 

Wir gestalteten nicht nur ein Cover für die angebliche Biografie, sondern zitierten auch aus einem fingierten mittelhochdeutschen Briefwechsel und wiesen auf Skizzen eines (leider! ;-) ) nie realisierten Klosters hin.

Um der Sage einen authentischen Anstrich zu verleihen, setzten wir auf Lokalkolorit: die Ereignisse spielen nicht nur am Ammersee, sie wurden teils auch mit bayerischem Dialekt eingesprochen.

ALLES ENDET MIT DEM ERSCHEINEN DES KÖNIGSMÖRDERS,
DER RECHENSCHAFT ABLEGT

"Nie jemanden töten. Denn Gott sieht. Er sieht alles. Immer. Ergriffen fühlt‘ ich mich am ausgestreckten Arm, zur ewigen Schmach hinaus gehalten übers Höllenfeuer. Nichts davon war mein. Dieses Parkett ist zu glatt. Zu glatt für blutverschmierte Stiefel. Ich rutsche, immer weiter. Immer schneller.

Sein überhebliches Lächeln, mit dem er voller Mitleid auf mich herab sah.

 

Es wird und muss. Ich hatt‘ es angefangen, wie sollt ich’s nicht auch enden? Es brennt. Es brennt. Es brennt, frisst alles von innen. Die Säure in mir, sie frisst sich durch Nervenstränge, schießt durch Adern und verkocht Blut zu gelbstichiger Galle, gallertartiger Götterspeise, die bald nur die Geier aus meiner rohen Karkasse picken. Götter speisen nicht unter den Lebenden und die Toten nicht mit den Göttern. Niemand kann Gott erreichen. Im Feuer werden wir alle unsere sündigen Herzen rösten und jeder gibt sein eigenes dem Nebenmann und alle werden wir schreien aus brandgelöcherten Kehlen und Funken speien, wie getötete Drachen.

Aber noch bin ich nicht hin.

 

Noch kann ich Schwerter durch warmes Fleisch wetzen."

© Lisa Haselbauer

"dramaturgisch wunderbar umgesetzt"

Andrea Gräpel,

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